 |
| Michael Bloomberg, 2011 |
Der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg (73) denkt
laut einem Bericht der New York Times ernsthaft über eine unabhängige
Kandidatur zur Präsidentschaftswahl in den USA nach. Demnach sei er bereit, mindestens 1 Milliarde US-Dollar in seinen Wahlkampf zu investieren. Das Vermögen des
Medienmoguls wird auf rund 27 Mrd. US-Dollar geschätzt.
Bloomberg hat schon seit längerer Zeit über eine Kandidatur
nachgedacht, wegen geringer Erfolgsaussichten bislang jedoch davon abgesehen.
Aus Beraterkreisen heißt es nun, dass Bloomberg verärgert über den
konservativen Höhenflug der Republikaner Donald Trump und Ted Cruz sei. Auch
sorge er sich, weil Hillary Clinton gegen Bernie Sanders zunehmend unter Druck
gerate. Eine Entscheidung wolle Bloomberg Anfang März treffen.
Welche Chancen hätte Bloomberg tatsächlich?
Seitdem die beiden großen Parteien, Demokraten und
Republikaner, in der heutigen Form bestehen, das heißt ab 1854, hat es kein
Kandidat mehr geschafft, das Präsidentenamt zu gewinnen, wenn er nicht in einer
der beiden großen Parteien war.
Auch bei dieser US-Wahl 2016 dürfte sich daran nichts ändern.
Eines scheint klar zu sein: Bloomberg wird nur dann als Unabhängiger kandidieren,
wenn einerseits die Republikaner Donald Trump oder den erzkonservativen Ted
Cruz nominieren und zusätzlich andererseits der „demokratische Sozialist“ Bernie Sanders
bei den Demokraten eine Mehrheit für sich erringen kann. Bloomberg sieht sich
so weit in der Mitte stehen, dass er annimmt, bei einem solchen
Links-Rechts-Duell zwischen Demokraten und Republikanern, der goldene Mittelweg
für viele moderate Wähler beider Parteien zu sein. Und er könnte eine
Alternative für diejenigen sein, die zwar mit ihrem Kandidaten aus der eigenen
Partei nicht zufrieden sind, aber aus Prinzip schon nicht je nach
Parteizugehörigkeit einen Demokraten oder Republikaner wählen würden.
Die Ankündigung einer möglichen Kandidatur dürfte
insbesondere Bernie Sanders überhaupt nicht ins Kalkül passen. Während Hillary
Clinton weiß, dass der befreundete Bloomberg nicht gegen sie antreten würde, hat Sanders nun zu
befürchten, dass sich noch weniger Parteivertreter auf seine Seite schlagen könnten.
Denn es wären wohl eher die Demokraten, die unter einer Kandidatur Bloombergs
leiden würden. Zwar gäbe es auch einige liberal ausgerichtete Republikaner, die
mit der Auswahl Trumps oder Cruz nicht einverstanden wären und Bloomberg
unterstützen könnten, aber es wären wohl neben grundsätzlich unabhängigen
Wählern auch insbesondere Teile des Clinton-Lagers, die zu Bloomberg überlaufen würden und
damit Bernie Sanders bei der General Election wichtige demokratische Stimmenanteile kosten könnten.
Aber wir befinden uns noch im Bereich der Spekulationen.
Bloomberg wird den Super Tuesday am 1.März abwarten. Danach könnte zumindest
schon eine klare Tendenz in beiden Parteien erkennbar sein, wer siegreich aus
den Vorwahlen hervorgehen könnte. Sollte es nicht auf Trump/Cruz vs Sanders hinauslaufen, ist eine Kandidatur dann wohl
vom Tisch. Diese Planung würde auch mit Bloombergs selbst gesetzter Deadline,
Anfang März, übereinstimmen.
Unabhängige Kandidaten können Wahlen entscheiden
Wie schon angedeutet können unabhängige Kandidaten bei den
Präsidentschaftswahlen in den USA sich nicht ernsthafte Chancen auf den Einzug
ins Oval Office machen. Dennoch sind diese Kandidaturen für die beiden großen
Parteien immer ein Unsicherheitsfaktor und können immense Auswirkungen auf das
Gesamtergebnis habe. Ich möchte mal zwei Beispiele anführen, die dies auf ihre
jeweils eigene Art verdeutlichen.
 |
| Ross Perot |
1992 war es der konservative Ross Perot, der als
unabhängiger Kandidat, gegen das Washingtoner Establishment wetterte. Damals
war es George W. H. Bush der sich als amtierender republikanischer Präsident um
eine zweite Amtszeit im Weißen Haus bewarb und gegen den sich die Kandidatur
Perots richtete. Perot trat als grundehrlicher bürgerlicher Kandidat an und
erreichte landesweit 18,91 % der Stimmen. Zwar gewann er nicht einen einzigen
Bundesstaat und damit auch keine Wahlmännerstimme. Aber es waren zu viele
Wähler aus dem Lager der Republikaner, die Perot ihre Stimme gaben, so dass
Bill Clinton einen souveränen Erfolg gegen Bush verzeichnen konnte.
Dass ein unabhängiger Kandidat aber nicht mal ein solch
gutes Ergebnis wie jenes Ross Perots einfahren muss, um eine
Präsidentschaftswahl zu entscheiden, kann man den Ereignissen aus dem Jahr 2000
ablesen. Vielen dürfte diese Wahl noch immer in bester Erinnerung sein. Al Gore
trat gegen George W. Bush an und es war ein historisch knappes Rennen. Nachdem einige TV-Anstalten bereits Bush zum Sieger ernannten und Al Gore ihn auch bereits in einem ersten Telefonat zum Sieg gratulierte, ruderten die Sender in der Wahlnacht bald schon zurück. Noch
Wochen nach dem Wahltag stand nicht fest, wer gewonnen hatte. Alle Augen
richteten sich auf den Bundesstaat Florida und die Augen der dortigen Wahlhelfer zunächst
auf eigenartig gestanzte Lochkarten, die als Wahlzettel genutzt wurden. Später
blickte man nur noch auf die Gerichte.
 |
| Stimmenauszählung |
Der Wahlausgang in Florida war so knapp,
die Ergebnisse der Auszählung so unsicher, dass ein erbitterter Rechtsstreit
entbrannte, ob und welche Stimmzettel nochmals ausgezählt werden sollten. Nach
gut zwei Wochen erklärte der Bundesstaat Florida, deren Gouverneur damals Jeb
Bush war, George W. Bush zum Sieger. Auf Gore entfielen 2.912.253 Stimmen, Bush
erreichte mit 2.912.790 Stimmen eine Mehrheit von 537 Stimmen. Da die
Demokraten aber weiterhin Unregelmäßigkeiten und missverständliche Wahlzettel
anprangerten, dauerte es weitere Wochen bis der Supreme Court mit 5:4 Stimmen
entschied, dass nicht erneut ausgezählt werde. Bush gewann alle 25
Wahlmännerstimmen in Florida, und hatte am Ende mit 271 Wahlmännerstimmen eine
denkbar kleine Mehrheit von 5 Stimmen gegenüber Gore. Im Übrigen war die Wahl
Bushs im Jahr 2000, die erste Präsidentschaftswahl seit 1876, in der ein Kandidat
Präsident wurde, obwohl er weniger Wählerstimmen als sein Konkurrent gewinnen, aber durch das US-Wahlsystem eine Mehrheit an Wahlmännerstimmen im
Electoral College auf sich vereinen konnte. Al Gore hatte nämlich landesweit
einen Stimmenvorsprung von rund 543.822 Stimmen erringen können.
 |
| Ralph Nader |
Was hat das nun mit den unabhängigen Kandidaten zu tun? Im
Jahr 2000 war es der landesweit bekannte Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader, der weder für die
Demokraten noch für Republikaner ins Präsidentschaftsrennen ging. Er
kandidierte für die amerikanischen Grünen als sog. Third Party Candidate. Nader
war eindeutig dem liberalen Wählerspektrum zuzuordnen. Umfragen ergaben, dass
eine deutliche Mehrheit der Anhänger Naders eher Al Gore als George W. Bush
gewählt hätten. Aber trotz der Bitten und Warnungen aus dem demokratischen
Lager, entschied sich Nader, anzutreten. Er gewann zwar nur rund 2,7 % der
Stimmen, aber blickt man auf den knappen Wahlausgang in Florida, hatte dies
dramatische Folgen. Nader gewann in Florida 97.488 Stimmen. Geht man davon aus,
dass das eindeutig prognostizierte Wahlverhalten der Nader-Unterstützer bei
einer Entscheidung zwischen Gore und Bush zugetroffen hätte, wäre es für Al
Gore ein Leichtes gewesen, von den 97.488 Stimmen 538 Stimmen mehr zu bekommen
als sein Konkurrent Bush. Dies hätte dann zum Sieg Gores in Florida gereicht
und ihn zum US-Präsidenten gemacht.
In seinem Buch Duell ums Weiße Haus beschreibt Ronald D.
Gerste ein weiteres Beispiel für den knappen Wahlausgang in Florida bzw. den
Effekt aussichtsloser Kandidaturen. Er erwähnt die zwei linken Politikerinnen Monica
Moorehead von der Partei Workers World und ihre Vizekandidatin Gloria La Riva.
Sie traten völlig chancenlos nur in fünf Bundesstaaten an, einer davon Florida.
Hier gewannen sie nur 1804 Wählerstimmen. Aufgrund ihrer politischen
Ausrichtung ist anzunehmen, dass ihre Wähler sonst eher Al Gore als George W.
Bush gewählt hätten. Bei dem bekannten amtlichen Rückstand von 537 Stimmen,
bekommen plötzlich auch die Stimmen für das linke Damenduo der Workers World
eine besondere Bedeutung.
1992 profitierten die Demokraten vom Third Party Candidate
Ross Perot, 2000 waren es also die Republikaner. Auch wenn diese Kandidaten
letztlich keine Chance auf das Präsidentenamt haben, einen Einfluss auf den Wahlausgang
können sie auf unterschiedliche Weise sehr wohl haben.
Die Entscheidung Michael Bloombergs oder auch die des ehemaligen demokratischen Bewerbers Jim Webb wird also doch mit einiger
Anspannung erwartet. Wenn im Sommer endgültig die Präsidentschaftskandidaten
feststehen, werde ich auch hier im Blog noch weiter auf die third party
candidates, die unabhängigen Kandidaten eingehen.
Kommentare
dein vielleicht bester Newsartikel hier bisher.
Die Situation ist natürlich auch verzwickt. Das heutige domninierende Zweiparteien System und die Personenwahl bildet natürlich nicht das gesamte Interessensspektrum der Bürger ab. Das kann auch von zwei Personen nicht gewährleistet werden. Von daher verstehe ich, warum unabhängige Kandidaten antreten. Da diese aber keine Siegchancen haben, denke ich, dass diese für das jeweilige Spektrum eher das größere Übel ermöglicht.Ralph Nader muß sich schon von seinen Parteifreunden fragen lassen warum er George Bush ermöglicht hat.
Abgesehen von einer auf die Mitte gerichteten Kampagne - ist die Kannibalisierungsgefahr in Richtung der Demokraten größer?