Gerrymandering in den USA
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Was ist Gerrymandering und wie können Wahlkreisgrenzen die politischen Mehrheiten in den USA verändern? Bei Wahlen zum US-Repräsentantenhaus entscheidet nicht nur, wie viele Menschen eine Partei wählen. Entscheidend ist auch, wo diese Stimmen liegen und wie die Grenzen der Congressional Districts gezogen sind. Genau hier setzt Gerrymandering an.
Jeder Congressional District entsendet genau ein Mitglied in das US-Repräsentantenhaus. Vergeben wird der Sitz nach Mehrheitswahlrecht im District: Wer die meisten Stimmen erhält, gewinnt den Sitz. Die Bundesstaaten entscheiden jedoch über den territorialen Zuschnitt ihrer Congressional Districts. Dadurch können sie erheblichen Einfluss darauf nehmen, wie sich ein Stimmenverhältnis in Sitze übersetzt.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass die Parteien in den USA sehr detaillierte Erkenntnisse darüber haben, wie und wo abgestimmt wird – aus früheren Wahlergebnissen, aus Bevölkerungsdaten und oft auch aus Umfragen. Genau dieses Wissen macht strategisches Redistricting überhaupt erst möglich.
Die 435 Sitze des Repräsentantenhauses werden nach der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählung neu auf die 50 Bundesstaaten verteilt. Dieser Vorgang heißt Apportionment. Bundesstaaten mit mehreren Sitzen legen anschließend die Grenzen ihrer Congressional Districts fest oder passen sie an – das Redistricting.
Wichtig: Redistricting ist ein notwendiger und regulärer Vorgang. Von Gerrymandering spricht man erst, wenn der Zuschnitt gezielt dazu genutzt wird, politische Machtverhältnisse zu beeinflussen.
In Einmandatswahlkreisen zählt am Ende nur, wer den jeweiligen District gewinnt. Deshalb können gleiche Stimmenmengen sehr unterschiedlich wirken – je nachdem, wo sie liegen.
Erhält Blau in einem District 59 Stimmen und Rot 41 Stimmen, gewinnt Blau den Sitz. Die 41 roten Stimmen verfallen. Zugleich wären für Blau bereits 51 Stimmen zum Sieg ausreichend gewesen – 8 blaue Stimmen sind damit überzählig.
Der entscheidende Gedanke: Beim Gerrymandering geht es darum, die zu erwartenden verfallenen und überzähligen Stimmen beim Neuzuschnitt der Wahlkreise möglichst effizient zum eigenen Nutzen und zum Nachteil des politischen Gegners auszunutzen.
In allen vier Darstellungen bleibt die Ausgangslage identisch: ein fiktiver Bundesstaat mit 60 % Blau und 40 % Rot. Nur der Zuschnitt der Districts verändert sich.
60:40-Stimmenverteilung in einem fiktiven Bundesstaat. Noch sind keine Wahlkreisgrenzen für die Congressional Districts gezogen.
Die Sitzverteilung von 3:2 für Blau entspricht dem Stimmenverhältnis von 60:40 %.
2:3-Ergebnis. Die Sitzverteilung von 2:3 widerspricht dem Stimmenverhältnis von 60:40 %, ist aber dennoch korrekt.
5:0-Ergebnis. Die Sitzverteilung von 5:0 widerspricht dem Stimmenverhältnis von 60:40 %, ist aber dennoch korrekt.
Worauf es ankommt: Die Gesamtzahl der Stimmen ändert sich nicht. Nur durch neue Grenzziehungen kann sich die Sitzverteilung teils massiv verschieben. Wahlkreise können also grundsätzlich so zugeschnitten werden, dass sie einer Partei gezielt nützen. Zugleich ist nicht jede vom Gesamtverhältnis 60:40 % abweichende Sitzverteilung automatisch manipulativ: Auch sachliche, geographische oder demographische Faktoren können dazu führen, dass einzelne Districts anders zusammengesetzt sind.
Beim Packing verschiebt Rot blaue Wähler so, dass Blau zwar noch einige Districts gewinnt, dort aber mit unnötig großen Mehrheiten. Die blauen Überhänge fehlen anschließend in mehreren anderen Districts.
Beim Cracking zerlegt Rot ein zusammenhängendes oder kompaktes blaues Wählergebiet. Statt einige wenige Districts mit blauer Mehrheit zuzulassen, werden blaue Stimmen auf mehrere rote Districts verteilt. Dadurch verfallen sie dort jeweils knapp.
Parteien beschränken sich nicht darauf, nur Packing oder nur Cracking zu betreiben. In der Praxis geht es darum, die gesamte Karte zu optimieren: sichere Sitze absichern, knappe Rennen verschieben und dabei bewusst Risiken einzugehen.
Die Regeln unterscheiden sich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Häufig sind die Parlamente der Bundesstaaten beteiligt; in anderen Staaten arbeiten unabhängige oder parteiübergreifende Kommissionen. Zusätzlich greifen Gerichte ein, wenn Karten gegen staatliches oder Bundesrecht verstoßen.
Deshalb ist Gerrymandering kein einheitlicher Vorgang, der überall nach denselben Regeln funktioniert.
Ein günstiger Zuschnitt kann nicht nur einzelne Sitze beeinflussen. Er kann auch die Zahl wirklich wettbewerbsfähiger Districts verringern, Amtsinhaber absichern und darüber mitentscheiden, welche Partei eine Mehrheit im Repräsentantenhaus erreicht.
Das Prinzip betrifft außerdem Wahlkreise auf Ebene der Bundesstaaten – nicht nur die 435 Congressional Districts.
2026 ist kein reguläres Hauptjahr des Redistricting-Zyklus. Trotzdem bleibt das Thema politisch hoch relevant: Einerseits kontrollieren die Parteien in vielen Bundesstaaten die politische Gesamtarchitektur, andererseits gibt es weiterhin rechtliche und politische Auseinandersetzungen um bestehende Karten.
Gerrymandering ist kein Instrument nur einer Partei. Historisch haben sowohl Demokraten als auch Republikaner von parteipolitischer Kontrolle über das Redistricting profitiert. Eine Langzeitstudie über rund 80 Jahre Wahlen zum US-Repräsentantenhaus kommt zu dem Ergebnis, dass beide Parteien in der Mitte des 20. Jahrhunderts ähnlich von der Kontrolle der Grenzziehung profitierten; im 21. Jahrhundert zeigt sich dagegen ein moderater republikanischer Vorteil.
Für die Zeit nach dem Census 2010 ist dieser Vorteil deutlicher messbar. Eine wissenschaftliche Analyse der House-Wahlen von 2012 bis 2020 beziffert den durchschnittlichen republikanischen Vorteil durch den Wahlkreiszuschnitt auf 17 Sitze. Für die bei der Wahl 2024 verwendeten Karten schätzte das Brennan Center 23 zusätzliche republikanische bzw. republikanisch tendierende Sitze gegenüber 7 demokratischen – netto also einen Vorteil von rund 16 Sitzen für die Republikaner. Ein wichtiger Grund für den stärkeren nationalen Effekt: Republikaner kontrollierten in diesem Zyklus die Grenzziehung von 191 Congressional Districts vollständig, Demokraten von 75; die übrigen Karten entstanden unter anderem durch Kommissionen, Gerichte oder geteilte politische Kontrolle.
Eine einfache Antwort mit „ja“ oder „nein“ wäre irreführend. Rechtlich muss zwischen parteipolitischem und rassistisch diskriminierendem Gerrymandering unterschieden werden.
Der Begriff geht auf den damaligen Gouverneur von Massachusetts, Elbridge Gerry, zurück. 1812 wurde ein neu zugeschnittener Wahlbezirk in einer politischen Karikatur wegen seiner ungewöhnlichen Form mit einem Salamander verglichen. Aus „Gerry“ und „salamander“ entstand „Gerrymander“.
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