Umfragen in den USA richtig verstehen
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Wie zuverlässig sind Wahlumfragen in den USA – und wie lassen sie sich richtig einordnen? Umfragen gehören zu den wichtigsten Instrumenten, um die Stimmung in einem Wahlkampf zu erfassen. Sie können Trends sichtbar machen, Kampagnen beeinflussen und zeigen, wo ein Wahlausgang besonders eng wird. Sie sind aber keine vollständige Vorhersage des Wahlergebnisses.
Wer Umfragen sinnvoll nutzen will, sollte deshalb nicht nur auf den aktuellsten Prozentwert schauen. Entscheidend sind unter anderem die Ebene der Umfrage, die Befragtengruppe, die Methode, die Fehlerspanne und vor allem die Entwicklung über mehrere Erhebungen hinweg.
Landesweite Umfragen sind nicht bedeutungslos – aber ihre Aussage hängt von der jeweiligen Wahl ab. Bei Präsidentschaftswahlen zeigen sie vor allem die landesweite Stimmung und geben Hinweise auf den Popular Vote. Über den Sieger im Electoral College entscheiden sie jedoch nicht direkt.
Bei Wahlen zum Repräsentantenhaus kann der Generic Congressional Ballot das nationale politische Umfeld abbilden. Auch daraus lässt sich aber nicht unmittelbar ableiten, wie viele der 435 Sitze eine Partei gewinnt. Beim Senat ist ein nationaler Durchschnitt noch weniger geeignet, weil nur ein Teil der Sitze gleichzeitig und jeweils bundesstaatenweise gewählt wird.
Für die Einschätzung eines konkreten Wahlausgangs muss die Umfrage zur Ebene passen, auf der tatsächlich entschieden wird: bei der Präsidentschaftswahl vor allem der einzelne Bundesstaat, bei Senatswahlen ebenfalls der Bundesstaat und beim Repräsentantenhaus der jeweilige Congressional District.
Bei der Präsidentschaftswahl werden die Electoral Votes in fast allen Bundesstaaten nach dem Prinzip „winner takes all“ vergeben. Maine und Nebraska bilden mit ihrer Aufteilung nach landesweitem Ergebnis und Congressional Districts die Ausnahme.
Eine Umfrage misst die Stimmung während ihres Erhebungszeitraums. Je weiter der Wahltag entfernt ist, desto größer ist die Möglichkeit, dass sich Kandidatenpräferenzen, Mobilisierung und politische Rahmenbedingungen noch verändern.
Auch kurz vor der Wahl bleibt eine Umfrage eine Schätzung. Sie kann zeigen, welches Ergebnis unter den zum Zeitpunkt der Befragung herrschenden Bedingungen plausibel erscheint – nicht, welches Ergebnis sicher eintreten wird.
Nicht jede veröffentlichte Umfrage ist gleich aussagekräftig. Wichtig sind unter anderem Stichprobenauswahl, Gewichtung, Erhebungsart, Stichprobengröße, Befragtengruppe, Feldzeit und die Transparenz, mit der ein Institut seine Methode offenlegt.
Eine große Stichprobe allein garantiert noch keine gute Umfrage. Entscheidend ist, ob die Befragten die relevante Wählerschaft möglichst gut abbilden und ob erkennbare Verzerrungen methodisch angemessen berücksichtigt werden.
US-Wahl.de orientiert sich bei der Auswahl der verwendeten Institute zusätzlich am Pollster-Rating von Silver Bulletin (Nate Silver) ↗. Das Rating bewertet unter anderem die historische Genauigkeit und Transparenz der Institute und dient als zusätzliche Orientierung bei der Auswahl.
Für die Beurteilung eines Trends ist der Vergleich aufeinanderfolgender Umfragen desselben Instituts oft hilfreicher als der direkte Vergleich zweier verschiedener Institute. Unterschiedliche Häuser verwenden unterschiedliche Stichproben, Gewichtungen und Modelle – dadurch können sich dauerhaft leicht unterschiedliche Niveaus ergeben.
Einzelne Umfragen können zufällig höher oder niedriger ausfallen. Ein Durchschnitt aus mehreren aktuellen Erhebungen reduziert den Einfluss solcher Ausreißer und vermittelt deshalb meist ein stabileres Bild der aktuellen Lage.
Auch ein Durchschnitt ist jedoch keine Garantie. Wenn mehrere Institute einen ähnlichen systematischen Fehler machen, kann sich dieser auch im Mittelwert wiederfinden. Deshalb sollte zusätzlich auf die Entwicklung und auf die Methodik der zugrunde liegenden Umfragen geachtet werden.
Seriöse Umfragen weisen in der Regel eine Margin of Error beziehungsweise eine vergleichbare statistische Unsicherheit aus. Sie beschreibt vor allem, wie stark ein Stichprobenergebnis allein durch die Auswahl einer begrenzten Zahl von Befragten schwanken kann.
Bei US-Umfragen gibt es regelmäßig unterschiedliche Befragtengruppen. Sie dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Gerade nahe am Wahltag sind LV-Modelle besonders interessant. Allerdings existiert kein einheitliches Verfahren – verschiedene Institute können dieselbe Person unterschiedlich als wahrscheinlichen Wähler bewerten.
Wer eine Umfrage durchgeführt und wer sie finanziert oder in Auftrag gegeben hat, gehört zur Einordnung dazu. Eine parteinahe oder von einer Kampagne beauftragte Umfrage ist nicht automatisch unbrauchbar – sie sollte aber besonders transparent dokumentiert sein und im Zusammenhang mit unabhängigen Erhebungen betrachtet werden.
Zur Qualitätsprüfung gehören deshalb nicht nur die Prozentwerte, sondern auch Angaben zu Auftraggeber, Methode, Stichprobe, Feldzeit und genauer Fragestellung.
Entscheidend ist nicht nur das Veröffentlichungsdatum, sondern vor allem, wann die Interviews geführt wurden. Eine heute veröffentlichte Umfrage kann eine Stimmung abbilden, die bereits mehrere Tage alt ist.
Debatten, Skandale, wirtschaftliche Nachrichten oder internationale Krisen können kurzfristig Ausschläge auslösen. Deshalb sollte ein einzelner Sprung nicht vorschnell als dauerhafte Verschiebung interpretiert werden. Erst weitere Umfragen zeigen, ob daraus ein stabiler Trend entsteht.
Die Präsidentschaftswahl 2016 gilt bis heute häufig als Beispiel dafür, dass Wahlumfragen unzuverlässig seien. Das verbreitete Bild eines allgemeinen Umfrageversagens greift jedoch zu kurz. Ein genauerer Blick zeigt vielmehr, warum Umfragen richtig eingeordnet werden müssen.
Landesweite Umfragen: Kurz vor der Wahl führte Hillary Clinton vor Donald Trump im Durchschnitt der nationalen Umfragen mit gut 3 Prozentpunkten. Tatsächlich erhielt Clinton landesweit fast drei Millionen Stimmen mehr und gewann den Popular Vote mit einem Vorsprung von 2,1 Prozentpunkten. Die nationalen Umfragen hatten die landesweite Stimmenverteilung damit grundsätzlich richtig erfasst. Sie beantworteten aber nicht die entscheidende Frage, wer im Electoral College gewinnen würde.
Die entscheidenden Bundesstaaten: Betrachtet man die 15 Swing States im weiteren Sinne, die US-Wahl.de vor der Wahl besonders beobachtete, ergibt sich ein differenziertes Bild:
Damit zeigten die Umfragen in 11 der 15 betrachteten Staaten die richtige Siegtendenz. In drei weiteren Staaten erkannten sie ein enges Rennen, die knappe Tendenz wies aber zum späteren Verlierer. Wisconsin war der deutlichste Fall, in dem auch die Einschätzung des Rennens selbst zu sicher in die falsche Richtung zeigte. Nach der damaligen Auswertung von US-Wahl.de betrug die durchschnittliche Abweichung zwischen Umfragewerten und tatsächlichem Ergebnis in diesen 15 Staaten rund 2,9 Prozentpunkte.
Für die methodische Einordnung orientiert sich diese Übersicht unter anderem an Erläuterungen der American Association for Public Opinion Research (AAPOR), des Pew Research Center und des Roper Center for Public Opinion Research.
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