19 offene Districts im Repräsentantenhaus: Gemischte Wahlkreise auf leicht republikanischem Terrain

Bei der Wahl zum US-Repräsentantenhaus wird sich die Aufmerksamkeit in der Wahlnacht auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Congressional Districts konzentrieren. Rund 40 bis 50 Wahlkreise der 435 Congressional Districts werde ich auf US-Wahl.de genauer verfolgen. Bei mehr als der Hälfte davon zeichnet sich derzeit zumindest eine Tendenz zu einer der beiden Parteien ab.

Bei 19 Districts ist das anders. Meine aktuelle Gesamteinstufung, basierend auf den Ratings von Cook Political Report, Inside Elections und Sabato’s Crystal Ball ergibt dort keinerlei Vorteil für eine Seite: Sie stehen auf OFFEN.

Diese 19 Districts stehen im Mittelpunkt dieses Artikels. Was haben sie gemeinsam? Handelt es sich überwiegend um Vorstädte? Um besonders diverse Wahlkreise? Entscheiden Weiße, Schwarze oder Hispanics über die Mehrheit?

Ein Ergebnis lautet: Die Parteien müssen ihre Kampagnen vielseitig und punktgenau ausrichten.

19 offene Districts: Politisch knapp – gesellschaftlich völlig verschieden

Die wohl wichtigste Feststellung der Analyse der 19 Wahlkreise ist, dass sie demografisch erstaunlich wenig gemeinsam haben.

Unter ihnen befinden sich stark urbanisierte Vorstadtgebiete ebenso wie ländlichere Regionen und Wahlkreise, die größere Städte mit einem politisch völlig anders geprägten Umland verbinden. CO-08 etwa umfasst die nördlichen Vororte von Denver, reicht aber zugleich bis nach Greeley und in das stärker ländlich und landwirtschaftlich geprägte Weld County. AZ-06 verbindet Teile von Tucson mit kleineren Städten und ländlicheren Gebieten im Südosten Arizonas. VA-02 wiederum reicht von Virginia Beach und Teilen des Ballungsraums Hampton Roads bis auf die wesentlich dünner besiedelte Eastern Shore.

Im Mittleren Westen reicht das Spektrum von Wahlkreisen in Michigan, Ohio und Wisconsin über Iowa bis in das industrielle nordöstliche Pennsylvania. MI-10 liegt beispielsweise in den klassischen Vorstadt- und Industriegebieten des Macomb County mit Städten wie Warren und Sterling Heights. MI-07 verbindet die Universitäts- und Verwaltungshauptstadt Lansing mit kleineren Städten und ländlicher geprägten Regionen um Howell. PA-08 umfasst mit Scranton und Wilkes-Barre alte Industriezentren, reicht aber zugleich weit in kleinere Städte und ländliche Gebiete Nordost-Pennsylvanias hinein. WI-03 verbindet wiederum Städte wie La Crosse und Eau Claire mit einem großen, stark ländlich geprägten Raum im Westen Wisconsins.

Im Süden finden sich ähnlich unterschiedliche Kombinationen. Der neu zugeschnittene FL-14 verbindet große Teile Tampas mit Plant City und ländlicheren Gebieten im südlichen Hillsborough County. NC-01 reicht von Rocky Mount über Elizabeth City bis an die Outer Banks und verbindet damit kleinere Städte, ländliche Regionen und die Atlantikküste. In Südtexas wiederum liegen mit TX-15 und TX-34 stark lateinamerikanisch geprägte Districts. TX-15 verbindet Städte des Rio Grande Valley wie Edinburg und Weslaco inzwischen zusätzlich mit Teilen des Coastal Bend und weitläufigen ländlichen Gebieten.

Hinzu kommen wiederum ganz andere Räume wie NY-17 im Hudson Valley. Der District umfasst unter anderem Rockland County, Peekskill und kleinere Orte entlang des Hudson und verbindet wohlhabende Vorstadtgemeinden im weiteren New Yorker Einzugsgebiet mit weniger dicht besiedelten Teilen des Hudson Valley.

Auch ethnisch ergibt sich kein einheitliches Muster. CA-22 sowie TX-15 und TX-34 sind stark lateinamerikanisch geprägt. CA-22 liegt dabei mitten im landwirtschaftlich bedeutenden Central Valley rund um Teile von Bakersfield und Hanford. NC-01 hat einen vergleichsweise hohen schwarzen Bevölkerungsanteil. Andere Wahlkreise wie IA-02, OH-07 oder WI-03 sind sehr deutlich weiß geprägt.

Ebenso wenig gibt es beim Bildungsniveau und Einkommen eine typische Struktur. NY-17 gehört zu den wohlhabenderen und akademisch stärker geprägten Districts des Landes. Dem stehen beispielsweise landwirtschaftlich und industriell geprägte Regionen im Central Valley, im Rio Grande Valley oder im Mittleren Westen gegenüber, in denen Einkommen und Anteil der Hochschulabsolventen deutlich niedriger liegen.

Damit lässt sich aus diesen 19 Rennen keine gemeinsame demografische Schlüsselgruppe ableiten.

Die Mehrheit im Repräsentantenhaus wird nicht dadurch entschieden, ob eine Partei überall besonders viele Weiße, Schwarze oder Hispanics erreicht. In verschiedenen Districts müssen völlig unterschiedliche gesellschaftliche und regionale Koalitionen funktionieren.

Ähnlich sieht es geografisch aus. Zwar fällt eine Konzentration im Mittleren Westen und im weiteren Great-Lakes-/Rust-Belt-Raum auf. Trotzdem gibt es keinen dominierenden Typus eines „entscheidenden Wahlkreises“.

Was viele dieser Districts eher verbindet, ist die Mischung unterschiedlicher politischer Räume innerhalb eines Wahlkreises: Vorstädte treffen auf ländliches Umland, mittelgroße Städte auf konservativere Regionen, alte Industriezentren auf kleinere Gemeinden oder stark wachsende Vororte auf landwirtschaftlich geprägte Gebiete.

Der PVI verrät tendenziell eine Gemeinsamkeit

Um die grundlegende politische Struktur eines Congressional Districts miteinander vergleichen zu können, eignet sich der Cook Partisan Voting Index, kurz PVI.

Der PVI ist keine Wahlprognose. Er sagt also nicht voraus, welche Partei einen District gewinnen wird.

Stattdessen misst er, wie republikanisch oder demokratisch ein Wahlkreis bei Präsidentschaftswahlen im Vergleich zum gesamten Land abgestimmt hat.

Für den aktuellen PVI werden die Präsidentschaftswahlen 2020 und 2024 berücksichtigt. Die Wahl 2024 wird dabei stärker gewichtet als die Wahl 2020.

Ein Beispiel:

R+4 bedeutet, dass der District bei den beiden zugrunde liegenden Präsidentschaftswahlen – gewichtet und auf den Zweiparteienanteil bezogen – ungefähr vier Prozentpunkte republikanischer als die USA insgesamt abgestimmt hat.

D+2 bedeutet entsprechend eine um etwa zwei Punkte demokratischere Grundstruktur.

Bei EVEN liegt der District praktisch auf dem nationalen Durchschnitt.

Damit eignet sich der PVI vor allem dafür, die langfristige politische Ausgangslage verschiedener Wahlkreise miteinander zu vergleichen. Kandidaten, Amtsinhaberbonus, Wahlbeteiligung und das politische Umfeld einer konkreten Wahl sind darin dagegen nicht enthalten.

Die offenen Districts liegen insgesamt leicht rechts vom Landesdurchschnitt

Beim PVI ergibt sich tatsächlich eine erkennbare Gemeinsamkeit.

Von den 19 aktuell offenen Districts weisen

13 einen republikanischen PVI,
vier einen PVI von EVEN und
nur zwei einen demokratischen PVI auf.

Der mittlere District der Gruppe liegt ungefähr bei R+3.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Demokraten für eine Mehrheit zwingend republikanisch gehaltene Districts erobern müssen.

Von den 19 offenen Wahlkreisen werden derzeit 14 von Republikanern und fünf von Demokraten gehalten.

In meiner aktuellen Gesamteinstufung sind außerhalb dieser offenen Rennen bereits 213 Sitze den Demokraten und 203 den Republikanern zugeordnet. Würden alle diese Einstufungen halten, könnten die Demokraten ihre Mehrheit von 218 Sitzen allein dadurch erreichen, dass sie die fünf derzeit demokratisch gehaltenen offenen Districts verteidigen.

Sie müssten unter dieser Annahme keinen einzigen der 14 republikanisch gehaltenen offenen Sitze gewinnen.

Trotzdem steckt in den PVI-Werten eine bemerkenswerte Besonderheit: Die fünf demokratisch gehaltenen offenen Districts sind

FL-14 – R+4
FL-22 – R+4
NC-01 – R+5
OH-09 – R+5
TX-34 – R+3.

Alle fünf liegen damit nach dem aktuellen PVI auf republikanisch geneigtem Terrain.

Die präzisere Aussage lautet deshalb: Die Demokraten müssen nicht zwingend republikanisch gehaltene Sitze erobern. Sie müssen aber selbst bei ihrem einfachsten rechnerischen Weg zur Mehrheit mehrere eigene Mandate in Wahlkreisen verteidigen, deren grundlegende politische Struktur inzwischen rechts vom nationalen Durchschnitt liegt.

Viele der Districts sehen 2026 anders aus als 2024

Ein Aspekt macht aber historische Vergleiche schwieriger: Acht der 19 offenen Districts werden 2026 auf veränderten Grenzen gewählt.

Betroffen sind:

CA-22, FL-14, FL-22, NC-01, OH-07, OH-09, TX-15 und TX-34.

Kalifornien, Florida, North Carolina, Ohio und Texas gehören zu den Bundesstaaten, die ihre Congressional Districts zwischen den Wahlen 2024 und 2026 neu zugeschnitten haben.

Gerade deshalb dürfen die Ergebnisse von 2024 bei diesen Districts nicht einfach eins zu eins auf 2026 übertragen werden.

Ein District kann weiterhin dieselbe Bezeichnung tragen – etwa „FL-14“ oder „TX-34“ – und trotzdem 2026 eine deutlich andere Wählerschaft umfassen.

Der aktuelle PVI ist hierbei hilfreich, weil Cook die Präsidentschaftsergebnisse auf die für 2026 geltenden Grenzen umgerechnet hat.

Was geschah 2024 in den heutigen 19 Schlüsselrennen?

Trotz dieser Einschränkung lohnt sich der Blick auf die letzte Wahl zum Repräsentantenhaus. Er zeigt, welche Rennen schon damals extrem knapp waren – und welche erst seitdem zu echten Wettbewerbsrennen geworden sind.

DistrictSieger 2024Vorsprung 2024PVI 2026
AZ-06Juan Ciscomani (R)R +2,5EVEN
CA-22*David Valadao (R)R +6,8D+1
CO-08Gabe Evans (R)R +0,7EVEN
FL-14*Kathy Castor (D)D +15,4R+4
FL-22*Lois Frankel (D)D +9,9R+4
IA-02Ashley Hinson (R)R +15,6R+4
MI-07Tom Barrett (R)R +3,7EVEN
MI-10John James (R)R +6,1R+3
NC-01*Don Davis (D)D +1,7R+5
NC-11*Chuck Edwards (R)R +13,5R+5
NY-17Mike Lawler (R)R +6,3D+1
OH-07*Max Miller (R)R +15,0R+5
OH-09*Marcy Kaptur (D)D +0,6R+5
PA-08Rob Bresnahan (R)R +1,6R+4
TX-15*Monica De La Cruz (R)R +14,2R+7
TX-34*Vicente Gonzalez (D)D +2,6R+3
VA-01Rob Wittman (R)R +12,8R+3
VA-02Jen Kiggans (R)R +3,8EVEN
WI-03Derrick Van Orden (R)R +2,7R+3

*2026 gelten gegenüber 2024 veränderte District-Grenzen. Das damalige Repräsentantenhaus-Ergebnis bezieht sich deshalb nicht exakt auf dieselbe Wählerschaft wie das Rennen 2026.

Viele waren bereits 2024 knapp – aber längst nicht alle

Der Blick auf die Tabelle zeigt zunächst, dass ein großer Teil dieser Wahlkreise schon vor zwei Jahren hart umkämpft war.

Neun der 19 Rennen wurden 2024 mit weniger als fünf Prozentpunkten Vorsprung entschieden.

Bei 13 der 19 lag der Abstand unter zehn Prozentpunkten.

Zu den knappsten gehörten CO-08 mit 0,7 Punkten, OH-09 mit 0,6 Punkten, PA-08 mit 1,6 Punkten und NC-01 mit 1,7 Punkten.

Aber auch das Gegenteil ist interessant.

In sechs der heutigen offenen Districts lag der Vorsprung des Siegers 2024 im zweistelligen Bereich. IA-02, NC-11, OH-07, TX-15 und VA-01 gingen damals relativ deutlich an die Republikaner, FL-14 deutlich an die Demokraten.

Die heutige Offenheit dieser Rennen lässt sich deshalb nicht allein damit erklären, dass es schon 2024 Fotofinishes waren.

Teilweise haben sich die Grenzen verändert. Teilweise tritt der bisherige Amtsinhaber nicht mehr an. Und teilweise hat sich das nationale politische Umfeld so stark verschoben, dass auch Districts wettbewerbsfähig geworden sind, die vor zwei Jahren noch vergleichsweise klar entschieden wurden.

Nur vier Rennen sind echte Open Seats

Auch ein fehlender Amtsinhaber erklärt die Gruppe insgesamt nicht.

Nur vier der 19 Rennen haben 2026 keinen erneut kandidierenden Amtsinhaber:

FL-22, IA-02, MI-10 und NC-11.

In den übrigen 15 Districts tritt ein amtierendes Mitglied des Repräsentantenhauses erneut an.

Damit ist auch hier das Bild gemischt. Manche Districts sind offen, weil ein Amtsinhaber fehlt und beide Parteien eine neue Ausgangslage haben. In den meisten Fällen ist das Rennen jedoch trotz eines vorhandenen Amtsinhabers völlig offen.

Keine einzelne Wählergruppe entscheidet die Mehrheit im Repräsentantenhaus

Damit ergibt sich aus den 19 Districts ein diverses Gesamtbild.

Es gibt keinen typischen „Toss-up-District“.

Die Entscheidung kann gleichzeitig in einem stark lateinamerikanisch geprägten District in Südtexas, einem überwiegend weißen Wahlkreis in Wisconsin, einem wohlhabenden Vorstadtgebiet nördlich von New York City und einem ländlich sowie schwarz geprägten Wahlkreis in North Carolina fallen.

Auch Einkommen, Bildungsniveau und Urbanisierung liefern keine gemeinsame Erklärung.

Die 19 offenen Districts ähneln sich vor allem in einem Punkt: Unterschiedliche politische und gesellschaftliche Kräfte halten sich dort 2026 so sehr die Waage, dass sich aus den verfügbaren Informationen kein belastbarer Vorteil für eine der beiden Parteien ableiten lässt.

Genau deshalb werden sie in der Wahlnacht besonders wichtig sein.

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