Senatswahl 2026 in Georgia: Ossoff mit guten Chancen auf Wiederwahl
Georgia hat sich innerhalb weniger Wahlzyklen von einem verlässlich republikanischen Bundesstaat zu einem der wichtigsten Swing States der USA entwickelt. Joe Biden gewann den Staat 2020 äußerst knapp, Donald Trump holte ihn 2024 mit gut zwei Prozentpunkten Vorsprung zurück. Gleichzeitig werden beide Senatssitze inzwischen von Demokraten gehalten.
Vor diesem Hintergrund wäre ein enges Senatsrennen 2026 keine Überraschung. Auffällig ist allerdings, wie deutlich der demokratische Amtsinhaber Jon Ossoff derzeit in Umfragen vor seinem republikanischen Herausforderer Mike Collins liegt. Im aktuellen Umfragedurchschnitt beträgt Ossoffs Vorsprung 8,2 Prozentpunkte.
Ich bewerte die Senatswahl in Georgia deshalb derzeit mit Tendenz Demokraten. Ebenfalls am 03.November sind dieselben Bewohner des Bundesstaats zur Gouverneurswahl aufgerufen. Hier deutet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen an.
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Georgia ist inzwischen ein echter Swing State
Noch 2016 gewann Donald Trump Georgia mit etwas mehr als fünf Prozentpunkten Vorsprung. Bei der gleichzeitig stattfindenden Senatswahl setzte sich der Republikaner Johnny Isakson sogar mit fast 14 Punkten durch.
Seitdem sind die bundesstaatsweiten Wahlen deutlich umkämpfter geworden. Biden gewann Georgia 2020 mit nur rund 0,2 Prozentpunkten Vorsprung. Wenige Wochen später entschieden die Demokraten beide Senatsstichwahlen für sich: Jon Ossoff besiegte David Perdue, Raphael Warnock setzte sich gegen Kelly Loeffler durch.
Warnock verteidigte seinen Sitz 2022 erneut. Zwei Jahre später ging Georgia bei der Präsidentschaftswahl wieder an die Republikaner: Trump gewann gegen Kamala Harris mit gut zwei Punkten Vorsprung.
| Wahl | Demokraten | Republikaner | Abstand |
|---|---|---|---|
| Präsident 2016 | Hillary Clinton 45,9 % | Donald Trump 51,1 % | R +5,2 |
| Senat 2016 | Jim Barksdale 41,0 % | Johnny Isakson 54,8 % | R +13,8 |
| Präsident 2020 | Joe Biden 49,5 % | Donald Trump 49,2 % | D +0,2 |
| Senat 2021 – Ossoff | Jon Ossoff 50,6 % | David Perdue 49,4 % | D +1,2 |
| Senat 2021 – Warnock | Raphael Warnock 51,0 % | Kelly Loeffler 49,0 % | D +2,1 |
| Senat 2022 | Raphael Warnock 51,4 % | Herschel Walker 48,6 % | D +2,8 |
| Präsident 2024 | Kamala Harris 48,5 % | Donald Trump 50,7 % | R +2,2 |
Bei den Senatswahlen 2021 und 2022 sind jeweils die entscheidenden Stichwahlen angegeben.
Die Entwicklung zeigt vor allem eines: Georgia ist heute weder zuverlässig demokratisch noch zuverlässig republikanisch. Bei den Präsidentschafts- und Senatswahlen seit 2020 lagen meist nur wenige Prozentpunkte zwischen beiden Parteien.
Gerade deshalb fällt Ossoffs derzeitiger Vorsprung von mehr als acht Punkten aus dem Rahmen.
Jon Ossoff: Vom Herausforderer zum Amtsinhaber
Jon Ossoff, Jahrgang 1987, vertritt Georgia seit Januar 2021 im US-Senat. Vor seiner politischen Karriere leitete er ein Unternehmen für investigative Film- und Fernsehproduktionen, das unter anderem zu Korruption, organisiertem Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen recherchierte.
Einem größeren politischen Publikum wurde Ossoff bereits 2017 bekannt, als er bei einer viel beachteten Nachwahl zum Repräsentantenhaus kandidierte. Den Sprung in den Kongress schaffte er schließlich bei der Senatswahl 2020/21: In der Stichwahl besiegte er den republikanischen Amtsinhaber David Perdue.
2026 tritt Ossoff damit erstmals als Amtsinhaber zur Wiederwahl an. Anders als vor sechs Jahren kann er den Wahlkampf nicht nur über politische Vorhaben führen, sondern auch über seine Arbeit im Senat.
Mike Collins: Unternehmer und Kongressabgeordneter
Mike Collins, Jahrgang 1967, vertritt seit 2023 Georgias 10. Kongresswahlbezirk im US-Repräsentantenhaus. Er studierte Betriebswirtschaft an der Georgia State University und arbeitete anschließend als Unternehmer in der Transportbranche. Gemeinsam mit seiner Frau baute er ein Speditionsunternehmen auf, das heute mehr als 100 Beschäftigte hat.
Collins gehört zum konservativen Flügel der Republikaner und stellt seine Unterstützung für Donald Trumps „America First“-Politik offen heraus. Im Repräsentantenhaus war er unter anderem an zwei Gesetzen beteiligt, die später in Kraft traten: dem TRANQ Research Act gegen neue synthetische Drogen und dem Laken Riley Act zur Verschärfung der Einwanderungsgesetzgebung.
Für Collins ist die Senatswahl der Versuch, von einem stark republikanisch geprägten Kongresswahlbezirk auf die deutlich ausgeglichenere landesweite Wählerschaft Georgias zu wechseln.
Was Ossoff nach sechs Jahren im Senat vorweisen kann
Ossoffs derzeitige Stärke lässt sich nicht allein mit der Entwicklung Georgias zum Swing State erklären. Als Amtsinhaber kann er inzwischen auch auf eine Reihe konkreter politischer Ergebnisse verweisen. Mehrere davon entstanden gemeinsam mit republikanischen Senatoren.
Unabhängige Kontrolle der Bundesgefängnisse
Eines der deutlichsten Beispiele ist der Federal Prison Oversight Act. Ossoff hatte zuvor über mehrere Jahre Missstände im Bundesgefängnissystem untersucht. Das 2024 verabschiedete Gesetz schreibt regelmäßige unabhängige Kontrollen aller Bundesgefängnisse durch den Inspector General des Justizministeriums vor und schafft zusätzlich eine Ombudsstelle.
Der Ombudsmann soll Beschwerden und Hinweise auf Gefahren für Gesundheit und Sicherheit von Gefangenen und Beschäftigten untersuchen. Das Gesetz wurde parteiübergreifend eingebracht und verabschiedet.
Damit konnte Ossoff ein Thema in Gesetzesform überführen, das bereits vor seinem Einzug in den Senat zu seinem politischen Profil gehörte: staatliche Kontrolle, Transparenz und der Umgang mit institutionellem Fehlverhalten.
Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Internet
Auch beim Kinderschutz arbeitete Ossoff mehrfach mit Republikanern zusammen. Gemeinsam mit der republikanischen Senatorin Marsha Blackburn brachte er den REPORT Act durch den Kongress.
Das Gesetz erweitert unter anderem die Meldepflichten von Internetplattformen bei Verdachtsfällen von Kinderhandel und sexueller Anbahnung und sorgt dafür, dass relevantes Beweismaterial länger aufbewahrt werden muss. Dadurch soll Strafverfolgungsbehörden mehr Zeit zur Untersuchung solcher Fälle gegeben werden.
Daneben brachte Ossoff gemeinsam mit dem republikanischen Senator Chuck Grassley weitere Regelungen zum Schutz Minderjähriger vor sexueller Ausbeutung auf den Weg.
Psychologische Versorgung von Militärfamilien
Für Georgia besitzt auch die Militärpolitik besonderes Gewicht. Im Bundesstaat befinden sich mehrere große Stützpunkte der US-Streitkräfte.
Gemeinsam mit dem Republikaner Kevin Cramer brachte Ossoff den Military Families Mental Health Services Act ein. Das Gesetz erlässt Familien aktiver Soldaten, die über TRICARE versichert sind, die Eigenbeteiligung für die ersten drei ambulanten psychologischen Behandlungstermine eines Jahres.
Eine weitere parteiübergreifende Initiative Ossoffs erleichterte dem Militär die Einstellung zusätzlicher Fachkräfte für psychische Gesundheit.
Ossoff beschäftigte sich zudem intensiv mit den Lebensbedingungen von Militärfamilien. Nach Berichten über Probleme in privatisierten Militärunterkünften leitete er Untersuchungen ein und drängte das Verteidigungsministerium zu stärkerer Kontrolle der Betreiber.
Solarindustrie und Produktionsarbeitsplätze in Georgia
Besonders unmittelbar mit Georgia verbunden ist Ossoffs Einsatz für die amerikanische Solarindustrie.
Bereits 2021 brachte er den Solar Energy Manufacturing for America Act ein. Die darin vorgesehenen Produktionsanreize wurden später Bestandteil des Inflation Reduction Act und 2022 Gesetz.
Für Georgia hatte das konkrete wirtschaftliche Folgen. Der Solarkonzern Qcells kündigte Anfang 2023 Investitionen von mehr als 2,5 Milliarden Dollar in Georgia an. Damit verbunden waren rund 2.500 zusätzliche Arbeitsplätze und der weitere Ausbau der Werke in Dalton und Cartersville.
Qcells selbst stellte einen direkten Zusammenhang zwischen den neuen Produktionsanreizen und der Investitionsentscheidung her.
Die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der Branche lässt sich selbstverständlich nicht einem einzelnen Senator zuschreiben. Ossoffs Anteil ist hier aber konkreter als bei vielen großen Bundesprogrammen: Er gehörte zu den Initiatoren der steuerlichen Produktionsförderung, auf die sich das Unternehmen bei seiner Investition ausdrücklich berief.
Breitband und Infrastruktur
Hinzu kommen Investitionen aus dem überparteilichen Infrastrukturgesetz von 2021, für das Ossoff stimmte.
Über das sogenannte BEAD-Programm erhielt Georgia rund 1,3 Milliarden Dollar für den Ausbau von schnellem Internet. Die Mittel sollen insbesondere ländliche und bislang schlecht versorgte Gebiete erreichen.
Weitere Bundesmittel flossen während Ossoffs Amtszeit unter anderem in Straßen, Brücken, Flughäfen, Wasserversorgung sowie die Häfen und Verkehrsinfrastruktur Georgias.
Bei diesen Programmen wäre es falsch, die Investitionen allein Ossoff zuzuschreiben. Das Infrastrukturgesetz war ein großes parteiübergreifendes Bundesgesetz. Für den Wahlkampf eines Amtsinhabers ist jedoch relevant, dass sich die Beschlüsse inzwischen in konkrete Projekte im eigenen Bundesstaat übersetzen lassen.
Ein Profil, das über klassische Parteithemen hinausgeht
In Ossoffs erster Amtszeit fällt damit ein Muster auf. Viele seiner sichtbareren eigenen Initiativen liegen nicht bei besonders ideologisch aufgeladenen Themen, sondern bei staatlicher Kontrolle, Kinderschutz, Militärfamilien, Infrastruktur und wirtschaftlichen Investitionen.
Zugleich kann er bei mehreren dieser Themen auf republikanische Mitinitiatoren verweisen.
Das bedeutet nicht, dass Ossoff politisch außerhalb seiner Partei steht. Bei den großen Konflikten im Senat ist er fester und verlässlicher Bestandteil der demokratischen Fraktion. Für Wähler, die bei einer landesweiten Wahl nicht strikt nach Parteizugehörigkeit entscheiden, kann eine solche Bilanz aber eine größere Rolle spielen als bei seiner ersten Kandidatur 2020.
Das Gouverneursrennen zeigt ein deutlich engeres Georgia
Besonders interessant ist deshalb der Vergleich mit der gleichzeitig stattfindenden Gouverneurswahl.
Der republikanische Gouverneur Brian Kemp darf nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Um seine Nachfolge kämpfen die frühere demokratische Bürgermeisterin von Atlanta Keisha Lance Bottoms und der republikanische Unternehmer Rick Jackson.
Dieses Rennen scheint wesentlich enger zu werden als die Senatswahl. Durchschnittlich liegt der Republikaner in Umfragen mit 1-2 % vor der Demokratin - ein offenes Rennen also, mit mininmaler Tendenz zugunsten Jacksons. Der Abstand liegt liegt aber vollständig innerhalb der üblichen Fehlermarge.
Das ist für die Einordnung von Ossoffs Vorsprung wichtig. Dieselben Wähler entscheiden am selben Wahltag über beide Ämter. Würde Georgia 2026 insgesamt stark in Richtung der Demokraten ausschlagen, müsste sich ein ähnliches Bild auch beim Gouverneursrennen zeigen. Zumindest laut Umfragen, ist dies nicht erkennbar.
Ein großer Unterschied bei den Wahlkampffinanzen
Auch finanziell gehen Ossoff und Collins mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schlussphase des Wahlkampfs. Nach den jüngsten Offenlegungen nahm Ossoffs Kampagne allein zwischen Juli und September rund 33 Millionen Dollar ein. Collins kam im gleichen Zeitraum einschließlich Transfers auf rund 2,7 Millionen Dollar.
Noch deutlicher ist der Unterschied beim verfügbaren Geld: Ende September verfügte Ossoffs Kampagne über rund 26 Millionen Dollar, Collins über etwas mehr als eine Million Dollar.
Damit kann Ossoff in den letzten Wochen vor der Wahl erheblich mehr Geld aus der eigenen Kampagne für Fernseh- und Onlinewerbung, Wahlkampfveranstaltungen und die Mobilisierung von Wählern einsetzen. Seine Kampagne hat angekündigt, die verbliebenen Mittel unter anderem für Fernsehwerbung und die eigene Wahlkampforganisation vor Ort zu verwenden.
Der finanzielle Vorsprung sagt für sich genommen nichts über den Wahlausgang aus. Er zeigt aber, wie unterschiedlich die Möglichkeiten beider Kampagnen sind, ihre Botschaften in der entscheidenden Schlussphase im gesamten Bundesstaat zu verbreiten.
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