Senatswahl 2026 in Kansas: Endet eine fast 100-jährige Siegesserie der Republikaner?
Kansas gehört seit Jahrzehnten zu den zuverlässigsten republikanischen Bundesstaaten der USA. Seit 1932 hat kein Demokrat mehr eine Senatswahl gewonnen, bei Präsidentschaftswahlen liegt der letzte demokratische Sieg zudem mehr als sechs Jahrzehnte zurück. Donald Trump gewann Kansas 2024 noch mit rund 16 Prozentpunkten Vorsprung.
Umso ungewöhnlicher ist die Lage wenige Wochen vor den Midterms 2026. Der republikanische Amtsinhaber Roger Marshall und sein demokratischer Herausforderer Adam Hamilton liegen im Umfragedurchschnitt praktisch gleichauf.
Das bedeutet nicht, dass Kansas plötzlich zu einem klassischen Swing State geworden ist. Vielmehr treffen 2026 mehrere Besonderheiten aufeinander: ein demokratischer Kandidat mit ungewöhnlichem Profil und Unterstützung aus dem republikanischen Lager, eine Kontroverse um den republikanischen Amtsinhaber sowie ein politisches Umfeld, in dem hohe Lebenshaltungs- und Energiekosten auch in stark republikanisch geprägten Regionen eine wichtige Rolle spielen.
Eine republikanische Hochburg mit außergewöhnlicher Tradition
Wie ungewöhnlich das aktuelle Rennen ist, zeigt der Blick zurück.
George McGill hatte den Senatssitz bereits 1930 bei einer Sonderwahl gewonnen und wurde 1932 für eine volle Amtszeit bestätigt. 1938 verlor er gegen den Republikaner Clyde Reed. Seit Januar 1939 werden die beiden Senatssitze von Kansas durchgehend von Republikanern gehalten.
Bei Präsidentschaftswahlen ist die republikanische Dominanz ähnlich deutlich. Lyndon B. Johnson war 1964 der letzte Demokrat, der Kansas gewann. Er erreichte damals 54,1 Prozent gegen 45,1 Prozent für Barry Goldwater. Seitdem haben die Republikaner den Bundesstaat bei 15 Präsidentschaftswahlen in Folge gewonnen.
Auch die jüngsten Senatswahlen waren normalerweise deutlich. Roger Marshall gewann 2020 mit 53,2 Prozent gegen 41,8 Prozent für Barbara Bollier. Zwei Jahre später erreichte der republikanische Senator Jerry Moran sogar 60,0 Prozent, während der Demokrat Mark Holland auf 37,0 Prozent kam.
Das aktuelle Kopf-an-Kopf-Rennen hebt sich davon deutlich ab.
Roger Marshall: Arzt, Kongressabgeordneter und Senator
Roger Marshall vertritt Kansas seit Januar 2021 im US-Senat. Zuvor gehörte er von 2017 bis 2021 dem Repräsentantenhaus an. Vor seiner politischen Karriere arbeitete Marshall mehr als 25 Jahre als Gynäkologe und Geburtshelfer in Great Bend.
2020 gewann er den offenen Senatssitz mit 11,4 Prozentpunkten Vorsprung. Lange deutete wenig darauf hin, dass Marshall 2026 ernsthaft unter Druck geraten könnte. Das änderte sich im Verlauf des Wahljahres.
Marshall steht für einen konservativen, Trump-nahen Kurs. Besonders stark profiliert er sich bei Landwirtschaft und Energie, daneben bei Grenzsicherung, Steuern, Waffenrechten und einer restriktiven Abtreibungspolitik.
Adam Hamilton: Pastor und politischer Quereinsteiger
Der Demokrat Adam Hamilton ist kein klassischer Parteipolitiker. Er hat bislang kein öffentliches Amt bekleidet und ist vor allem als Pastor und Autor bekannt.
1990 gründete er im Alter von 25 Jahren die Church of the Resurrection im Großraum Kansas City. Aus einer zunächst sehr kleinen Gemeinde entwickelte sich eine der größten methodistischen Gemeinden der USA.
Politisch besitzt Hamilton ebenfalls ein ungewöhnliches Profil. Er war in der Vergangenheit sowohl als Republikaner als auch als Demokrat registriert und erwog zunächst eine unabhängige Kandidatur. Schließlich entschied er sich für eine Kandidatur als Demokrat. Seine Kampagne versucht ausdrücklich, neben Demokraten auch Unabhängige und gemäßigte Republikaner anzusprechen.
Das ist in Kansas besonders wichtig: Ein demokratischer Kandidat kann dort nicht allein mit der traditionellen demokratischen Wählerschaft konkurrenzfähig werden.
Unterstützung aus dem republikanischen Lager
Hamilton hat inzwischen Unterstützung erhalten, die für einen demokratischen Senatskandidaten in Kansas bemerkenswert ist.
Mit Bill Graves und Mike Hayden unterstützen zwei frühere republikanische Gouverneure seine Kandidatur. Zudem entstand eine Gruppe „Republicans for Hamilton“. Nach Angaben der Washington Post gehörten ihr Anfang Oktober mehr als 100 Republikaner an. Auch Arch Naramore, der Marshall zuvor in der republikanischen Vorwahl herausgefordert hatte, stellte sich hinter Hamilton.
Gerade diese Unterstützung zeigt, worauf Hamiltons Strategie beruht: Er versucht nicht, Kansas politisch grundsätzlich nach links zu verschieben, sondern neben der demokratischen Basis jenen Teil der republikanischen und unabhängigen Wählerschaft zu erreichen, der bereit ist, bei einzelnen Wahlen die Partei zu wechseln.
Kansas wählt republikanisch – aber nicht automatisch
Denn so eindeutig Kansas bei Präsidentschafts- und Senatswahlen erscheint, auf bundesstaatlicher Ebene ist das Wahlverhalten weniger einheitlich.
Die Demokratin Laura Kelly gewann 2018 das Gouverneursamt und wurde 2022 wiedergewählt. Bei ihrer Wiederwahl setzte sie sich mit 49,5 zu 47,3 Prozent gegen den Republikaner Derek Schmidt durch.
Noch deutlicher zeigte sich die Eigenständigkeit der Wähler beim sogenannten „Value Them Both“-Referendum im August 2022. Die vorgeschlagene Verfassungsänderung hätte dem Parlament größere Möglichkeiten zur Regulierung von Abtreibungen gegeben. Sie wurde mit 59,2 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.
Kansas bleibt damit bei Bundeswahlen strukturell stark republikanisch. Gleichzeitig existiert aber ein relevanter Block von Wählern, der bei Gouverneurswahlen, Referenden oder einzelnen Kandidaten nicht automatisch der republikanischen Parteilinie folgt.
Genau dort versucht Hamilton anzusetzen.
Marshalls frühere Arztpraxis wird zum Wahlkampfthema
Hinzu kommt eine Kontroverse um Marshalls frühere Tätigkeit als Arzt.
Die New York Times wertete Gerichtsunterlagen aus und berichtete im September, dass Marshall beziehungsweise seine damalige Praxis über Jahre mehr als 700 Patienten wegen unbezahlter medizinischer Rechnungen verklagt hatte. In 81 Fällen wurden nach versäumten Gerichtsterminen Haftbefehle vollstreckt. Teilweise wurden laut der Recherche 18 Prozent Zinsen auf offene Forderungen erhoben.
Hamilton griff die Recherche im Wahlkampf auf.
Marshall und seine Kampagne widersprechen allerdings Teilen der politischen Darstellung. Seine Sprecherin verwies darauf, dass seine Praxis auch zahlreiche Patienten unabhängig von deren Zahlungsfähigkeit behandelt habe. Marshalls Anwälte argumentieren zudem, dass Patienten nicht wegen nicht gezahlter Rechnungen festgenommen worden seien, sondern wegen versäumter Gerichtstermine. Gegen eine Wahlwerbung Hamiltons ging die Kampagne deshalb mit einer Unterlassungsaufforderung vor.
Damit ist die frühere Arztpraxis zu einem der sichtbarsten Konfliktthemen des Wahlkampfs geworden.
Hohe Kosten treffen auf einen landwirtschaftlich geprägten Bundesstaat
Gleichzeitig findet die Wahl in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld statt.
Landwirtschaft besitzt in Kansas große Bedeutung, und besonders Treibstoff- und Betriebskosten spielen für landwirtschaftliche Betriebe eine große Rolle. Hohe Kosten für Diesel, Dünger und andere Betriebsmittel belasten Farmer und sind inzwischen auch zu einem wichtigen Thema im Wahlkampf geworden.
Das fügt sich in ein breiteres nationales Bild. In einer Reuters/Ipsos-Umfrage nannten Wähler steigende Lebenshaltungskosten weiterhin als eines der zentralen politischen Probleme; auch unter republikanischen und unabhängigen Wählern gab es erhebliche Unzufriedenheit mit der Preisentwicklung.
Für Hamilton ermöglicht das, den Wahlkampf stärker über Kosten, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Fragen zu führen als über die traditionelle Parteizugehörigkeit des Bundesstaates.
Die Republikaner verstärken ihren Einsatz in Kansas
Wie ernst die veränderte Lage inzwischen genommen wird, zeigt auch die Reaktion auf republikanischer Seite.
Der erfahrene Trump-Wahlkampfstratege Chris Grant wurde zur Unterstützung von Marshalls Kampagne eingesetzt. Zugleich investieren republikanische Gruppen wie der Senate Leadership Fund und der Club for Growth Millionenbeträge in das Rennen. Bereits zuvor hatte Vizepräsident JD Vance in Kansas für Marshall Wahlkampf gemacht.
Das wäre in einem gewöhnlichen Kansas-Senatsrennen wenige Wochen vor der Wahl kaum bemerkenswert. 2026 müssen republikanische Ressourcen jedoch in einen Bundesstaat fließen, der bei Präsidentschaftswahlen seit 1964 keinen Demokraten mehr unterstützt hat.
Die Umfragen bestätigen das ungewöhnliche Bild
Noch aussagekräftiger ist, dass nicht nur eine einzelne Umfrage ein knappes Rennen zeigt.
Der US-Wahl.de-Umfragedurchschnitt zeigt Marshall und Hamilton derzeit praktisch gleichauf. In den letzten vier Wochen gab es keine Umfrage mehr, die Roger Marshall vorne sah. Das Senatsrennen in Kansas ist wenige Wochen vor der Wahl ungewöhnlich eng und damit als offen einzustufen.
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